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Urelemente - auf der Spur des Erlebens: beherrschst du sie? (Frei nach Hans Faber) Projekt einer Mittelstufenklasse der Paul - Zimmermann - Schule Korbach, Schule für Praktisch Bildbare in Kooperation mit der Alten Landesschule (Gymnasium) im Herbst 2001 "Die Grundlagen einer Kultur liegen nicht im Bewusstsein, sondern in den Sinnen..." (Herbert Read) "Keramik als Mensch-Natur-System ist in ihren Zukunftsperspektiven eine Alternative zum Mensch-Maschine-System des elektronischen Zeitalters. Denn das Erlebnissystem Keramik ist reich an reflexiven Bewusstseinsprozessen, die die Computerwelt nicht bietet." (Gustav Weiß) Einleitung: Im Sommer 2001 sah ich auf einem Töpfermarkt zum ersten Mal, wie ein Papierofen gebaut wurde. Es faszinierte mich sofort, dass mit Schrottplatzmaterialien und primitiven Mitteln ein archaischer Erlebnisbrand möglich ist. Diese Ofenbautechnik ist recht jung und eine Abwandlung der afrikanischen Brandtechnik mit Mist bzw. Lehmhülle, wie mir Herr Tópe erklärte. Diese Technik wurde 1983 von der Schweizer Keramikerin A. Favre als Erlebnisbrand für ein Jugendlager entwickelt. Mit diesem Ofen kann man Temperaturen zwischen 800 und 1100 Grad erreichen. Ein Papierofen besteht im Prinzip aus einem Rost, auf dem Brennmaterial (Holzkohle) und die zu brennende Keramik gestapelt wird. Um diesen Scheiterhaufen wird eine Art Indianerzelt aus Hölzern errichtet. Darauf werden Zeitungsschichten aufgebracht, die mit Tonschlamm eingestrichen sind. Ein kleiner Schornstein in der Mitte, z.B. aus einer Brühwurstdose, erhöht die Effizienz des Ofens. Das Ganze wird zunächst auf Ziegelstapeln über einem Feuer aufgebockt, erwärmt und dann auf das Feuer abgesenkt, bis sich das Brennmaterial im Ofen entzündet. Diese Brandtechnik eignet sich gut für das Er-leben und Be-greifen des Keramikbrandes sowie für vielfältige Materialerfahrungen im Umgang mit Holz, Ton, Schlicker, Papier, Feuer und Rauch. Der Papierofen ist in seiner Größe, Gestalt und Gestaltung sehr flexibel, von 20 cm Größe bis über zwei Meter. Brandspuren auf der Keramik ergeben gewollte, oft sehr reizvolle Oberflächenfärbungen. Sind sie unerwünscht, kann man im konventionellen Elektroofen nachbrennen, ggf. als Glasurbrand. Didaktische Überlegungen: Feuer ist in meiner Klasse etwas Faszinierendes, Anziehendes und gleichzeitig Abstoßendes. Kerzen, das Erleben eines Großbrandes in der Stadt, 2 Zimmerbränden bei einer Schülerfamilie machten das Thema sozusagen brandaktuell. So entschloss ich mich, Feuer als übergeordnetes Thema fächerübergreifend als mehrwöchiges Projekt anzulegen und dabei Lesen, Schreiben, Sachkunde, Physik und Chemie mit einzubeziehen. Materialien dazu fanden sich u.a. in der Feuerwerkstatt des Verlags an der Ruhr. Wir behandelten z.B. den sachgerechten Umgang mit Streichhölzern, machten Experimente zum Brennen (Zündtemperatur, Sauerstoffbedarf, Entflammbarkeit von verschiedenen Materialien etc.), zum Löschen (Bau eines Feuerlöschers aus vorgegebenen Materialien), besichtigten die Feuerwehr und Brandschutzeinrichtungen in der Klasse, thematisierten Feuermeldung und Brandsituationen in szenischem Spiel, besprachen richtiges Verhalten im Brandfall und besichtigten ein Keramikwerk. Als mir die Durchführung eines Papierofenbrandes im eigenen Garten gelungen war, wagte ich es, diesen Ofen im Rahmen einer Schulübernachtung als Abschluss der Einheit durchzuführen. An fachlichen Aspekten des Papierofenbrandes lassen sich experimentierend erlebend im Unterricht u.a. behandeln: 1) Papier - eine mögliche Ofenhülle? ... Verringerung der Brennbarkeit von Papier durch Schichtdicke (geschlossene Zeitschrift versus Einzelblatt), Feuchtigkeit und Tonschlammlagen 2) Element Feuer - Beherrschung einer Naturgewalt: Steuerung des Ofens durch Dosierung und Kontrolle der Luft- bzw. Sauerstoffzufuhr: dazu Experimente zum Thema: Feuer braucht Sauerstoff / Luft zum Brennen, welche auf den Ofenbau (Zuluftrohr, Deckel) übertragen werde 3) Oxidation und Reduktion: Färbende Metallverbindungen 4) Künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten: Ofen als Skulptur (z.B. Ofen in Form eines Drachens), Schwarzbrand 5) Werkunterricht: Umgang mit Hammer, Säge, Quast und Schaufel 6) Nachvollziehen von Produktionsschritten eines keramischen Werkes: Rohstoff- und Massenaufbereitung, Trocknung, Brennen 7) Sensorische Wahrnehmung und Materialerfahrung von Holz, Ton, Schlamm, Papier, Feuchtigkeit, Hitze, Rauch, Ruß und Asche 8) Erleben der Metamorphose von Ton in Keramik Darüber hinaus fand ich am Gymnasium Alte Landesschule in Korbach bei dem Chemielehrer Herrn Gassner offene Ohren für die Idee einer fächerübergreifenden Kooperation mit seiner Klasse 9b. Der gemeinsame Brand wurde dort vorbereitend in den Kunstunterricht (Töpfern von Tierfiguren), den Chemieunterricht (Oxidation und Reduktion) sowie den Religionsunterricht (Thema Behinderung) integriert und ausgewertet. Die Klasse 9b hatte vorher noch nie mit Ton gearbeitet, und mit der Färbung durch Metallsalze hatte auch ich bisher nur einmalige Erfahrungen gemacht. So verlief unser Projekt: Im Unterricht töpferten wir Tierfiguren und Schalen. Teils auf geschrühter Keramik teils auf den getrockneten rohen Ton trugen wir Kupfersulfatkleister bzw. -lösung auf. Während der Trocknungszeit besichtigten wir die Firma Gülich in Lichtenfels, welche Kanalklinker herstellt. Von dort nahmen wir uns zwei Bananenkartons ungebrannten Trockenbruch mit. Wir brauchten den Ton für die Ofenhülle. Im Werkunterricht zerkleinerten wir die Brocken mit dem Hammer erst grob und zerstampften sie dann zu Körnern und Staub - wie es die Maschinen in der Masseaufbereitung auch tun. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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| Manuelle Masseaufbereitung | Industrielle Massenaufbereitung | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Danach wird in der Fabrik dem Tonstaub relativ wenig Wasser zugesetzt und der Ton in lederhartem Zustand zu einem Strang gepresst. Für den Ofenbau rührten wir unseren Tonstaub in einem Kübel in Wasser ein, zuerst mit einem Kochlöffel, dann mit einem Rührquirl in der Bohrmaschine, bis wir einen gleichmäßigen Brei erhielten. Diesen Brei benötigten wir für die Ofenhülle. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Nun planierten wir den Sandhaufen am Feuerplatz, den "Strand" am Gartenteich der Schule, schnitten die Bäume an der Feuerstelle etwas zurück, verlegten die Zuluftrohre, bauten die Feuergruben für beide Öfen und legten die Pflastersteinstapel für das Aufbocken der Öfen an. Die Klasse 9b der ALS hatte ebenfalls Tierfiguren getöpfert und mit Metallsalzlösungen bestrichen. Statt eines großen, schweren Ofens wollten wir für jede Klasse einen Ofen bauen. Morgens am Brandtag würde die Klasse 9b nur die ersten beiden Stunden während des Kunstunterrichtes bei uns sein. So entschloss ich mich, den Ofen meiner Klasse in der Vorwoche aufzubauen, um dann für die 9b mehr Zeit zu haben. Wir sägten also Abfallhölzer auf Länge und schichteten unseren Ofen auf. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Auf einen alten Schwenkgrill mit 50cm Durchmesser kam eine Lage Holzkohle. Darauf legten wir eine 37cm große runde Schamotteplatte, auf diese dann eine dünne Lage Holzkohle, in die vorsichtig das Brandgut eingelagert wurde. Die Schamotteplatte ist nicht zwingend erforderlich, sie diente nur der Sicherheit des Brenngutes, um ein frühzeitiges Durchbrennen zur Keramik zu verhindern. Drei dicke steife Drähte dienten zum Aufständern des 50cm hohen Schornsteins über dem Brenngut. Ihre unteren Enden waren zu Ösen gebogen und im Grill eingehakt. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Nun lehnten wir kreisförmig die zugesägten Hölzer an den Schornstein, so das eine Art Kegel entstand. Mit einem dünnen Draht sicherten wir diesen vor gegen ein Umfallen der Hölzer ab (ist nicht unbedingt notwendig.) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Anschließend bestrichen wir dünnes Illustriertenpapier, später dickeres Autokatalogpapier mit Tonschlamm und legten dieses schichtweise auf den pyramidenförmigen Scheiterhaufen mit dem Brenngut im Innern. Besonders achteten wir darauf, die Schichten gleichmäßig anzulegen, gerade den unteren Teil nicht zu vernachlässigen und oben Falten zu vermeiden (am besten geht dies, wenn man dort das Papier diagonal ansetzt). Am besten behielten wir die Übersicht, wenn wir nach Auftrag einer Papierschicht den Ofen mit bloßen Händen mit Tonschlamm bestrichen. So zeichnete sich die neue Papierlage deutlicher ab und die Haftung der neuen Schicht war besser, was ein gleichmäßiges Aufbringen der Schichten erleichterte. Eine letzte weiße Papierschicht wurde dann mit Augen und einer Schnauze bemalt, der Ofen sollte wie ein rauch- und eventuell auch feuerspeiender Drache aussehen. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Von Donnerstag bis Dienstag wartete dann der Ofen auf seinen Einsatz. Zwar befeuchteten wir ihn nach dem Wochenende, legten nasse Tücher auf, und wickelten ihn in Plastik ein, dennoch war der Feuchtigkeitsgehalt der Ofenschichten geringer als der des frischen Ofens, den wir am Brandtag mit der Klasse 9b der ALS aufbauten. Dieser wurde etwas größer und unterschied sich auch sonst ein wenig im Einbau des Schornsteins: Er war 1m groß und stand direkt auf dem Lochblech (auf einer Alufolie), mit Schlitzen an der Seite unten für die Abgase. Die Keramik war um ihn herum aufgeschichtet. Die Außenhaut des Ofens der 9b war dünner als unsere, aber feuchter. Die Vorarbeiten und der Aufbau des Ofens machten den Schülern sehr viel Spaß, auch wenn beim Verteilen der Sandmassen und beim Auftragen der Papierschichten die Ausdauer etwas zu wünschen übrig ließ. Doch ein Ablösen der Schüler untereinander bei verschiedenen, gleichzeitig durchgeführten Aufgaben brachte Abwechslung. Das Arbeiten mit Kraft beim Zerstoßen und Sägen kam dem Bewegungsdrang meiner Schüler entgegen und half, syndrombedingte Aggressionsneigungen in der Arbeit statt in der Gruppe abzureagieren. Insbesondere das Anrühren des Tonschlammes und die sensorischen Erfahrungen beim Schmieren mit der Tonmatsche genossen meine Schüler durchweg. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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| Es war auch bei einigen Gymnasiasten zu beobachten, wie sie dem Beispiel meiner Klasse folgten, die Quaste beiseite legten und es vorzogen, den Schlamm mit den Händen aufzutragen. Der Vorsprung an Know-How meiner Schüler brachte ihnen viel Selbstbewusstsein und sie halfen und erklärten und demonstrierten den Gymnasiasten gern, was getan werden musste. So wurde wider Erwarten der Ofen der Klasse 9b in den ersten beiden Stunden fertig und das Feuer in den Feuergruben konnte gemeinsam entfacht werden. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Um 9.30 Uhr setzten wir die beiden Öfen auf die Pflasterstapel und begaben uns ans Frühstück. Danach verabschiedete sich die Klasse 9b bis zum Mittag und ließ uns zwischenzeitlich mit den Öfen allein. |
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